Prosa

Intercity

„A city becomes a world when you love one of its inhabitants…“
–LAWRENCE DURRELL

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Lawrence Durrell, ein heute nahezu vergessener Autor, der in den sechziger Jahren mit seinem vierbändigen Roman Das Alexandria-Quartett Furore machte, wanderte in seiner Beschreibung der rätselhaften, undurchdringlichen Justine immer wieder durch die Straßen und Gassen Alexandrias, auf der Suche nach dem, was er nicht fassen konnte, nach etwas, was sich wie eine Verheißung im Körper der begehrten Frau zu verbergen schien und was ihm doch jedesmal wieder entglitt oder zumindest über seinen Horizont ging.
Was sein phlegmatischer Protagonist Darley von den Geheimnissen dieser Stadt nur allmählich entschleiern kann, scheint konkret und greifbar in Justines Körper zu existieren, aber zugleich zeigt ihm die labyrinthische Stadt, wieviel mehr es gibt – wie ihm die Straßen in Geheimsprache sagen, daß sich in dieser Frau etwas Komplizierteres verbirgt, etwas, was sich in Zeit und Raum erstreckt und im Körper seiner geliebten Justine nur als Allegorie entziffern läßt und so die Stadt buchstäblich eigentlich zur Allegorie ihres Körpers und seiner Geheimnisse wird, und ihr Körper der Schlüssel zu den Geheimnissen der Stadt.

Stadt und Körper der Geliebten gehen ineinander über, übernehmen die Eigenschaften und Verkleidungen voneinander. Die Fata Morgana einer Straße nach dem Regen und der feuchten Haut einer Geliebten, die wir gerade verlassen haben – obwohl wir ihr eben erst begegnet sind –, beides spüren wir am heftigsten, wenn es uns fehlt. Die Geliebte ist ständig in den Gedanken beim einsamen Gang durch die Stadt, die man durch sie kennengelernt hat; und die Straßen der Stadt, die man zu lieben beginnt, erscheinen einem auf den Rhythmus ihres Atmens beim Einschlafen in immer wieder unvermuteten Traumperspektiven.

Städte lernt man erst kennen, wenn man dort jemanden liebt – dann erst ist jeder über das Trottoir flatternde Zeitungsfetzen von Bedeutung, hat jedes Gesicht etwas zu erzählen, liegt hinter jeder Ecke etwas, was den Traum beenden oder ihn fortführen kann. Durch Städte zu gehen, die sich durch eine neue Liebe entfalten: Das hat etwas von einer ständig drohenden Gefahr, man ist auf dem Quivive, denn ein übersehenes Detail kann einen wieder auf sich selbst zurückwerfen, zum Ausgangspunkt zurück, mit hochgerecktem Daumen an die Autobahn oder auf einen Bahnsteig mit einer Zeitung, auf der ein Datum steht, das man am liebsten möglichst schnell vergessen möchte.

Amsterdam habe ich vor fast zwanzig Jahren auf einer kleinen griechischen Insel kennengelernt, weil ich dort in der späten Nachmittagssonne von einer jungen Frau aus Amsterdam angesprochen wurde. Ich hatte gerade jemand nachgewinkt, die mit einer Schaluppe aus der flachen Bucht wegfuhr. Die kleine, angeschmuddelte Terrasse des ansonsten unbewohnten Teils der Insel, wo wir mit etwa fünfzig Leuten nachts am Strand schliefen, lag hinter mir. Ich winkte der Bekannten nach, schüttelte den Kopf über die zwischen uns entstandenen Mißverständnisse, schaute noch einen Moment über das in der Sonne glitzernde Wasser und drehte mich um. Da sah ich sie sitzen, und ich war wie vom Schlag gerührt. Ihr langes, rotes Haar war auf dem Rücken zusammengebunden, die Beine hatte sie auf einen beigezogenen Stuhl gelegt. In aller Ruhe rollte sie eine Zigarette, sah mich mit schimmernden grünen Augen an und sagte: Mann, ist deine Nase verbrannt. Sie griente breit und deutete auf den Platz neben sich. Ich lief auf sie zu, betastete mit der Fingerspitze meine Nase, merkte, wie idiotisch das war, fing an zu lachen, nahm die frisch gerollte Zigarette entgegen, beugte mich zu ihr hinüber und bekam Feuer. Sie rollte noch eine. Wir grienten beide. Der Tabak kratzte. Langsam baute sich in uns das Adrenalin auf, während wir schwiegen. Auf den verdorrten Hügeln hinter uns grasten ein paar Ziegen. Alle spähten übers Meer und warteten auf die eine Schaluppe, die Gemüse, Obst und Fleisch für einen weiteren Tag bringen sollte, damit der alte, schweigsame Mann in der Betonbaracke für uns das Essen zubereiten könnte. Stunden später schwammen wir im Salzwasser der flachen Bucht, traten uns Seeigelstacheln in die Füße, der Wind aus den Bergen frischte auf und wir kamen beim Zurückschwimmen kaum noch voran, erreichten nach einer Weile erschöpft den Strand und blieben keuchend in enger Umarmung liegen. Das jähe Gefühl, daß in einem einzigen Augenblick alles auf der Welt möglich ist. Die ersten Sterne zeigten sich über dem unbewohnten, leeren Land. Wir rauchten und schauten. Wir blieben eine Woche zusammen, dann zog jeder wieder seines Wegs. Ich verbrachte noch ein paar verwirrte Tage in Athen, spürte aber, daß es von da nur noch einen Weg gab: den nach Amsterdam. Nach anderthalb Monaten sah ich sie dort in einer Straße im Pijp-Viertel wieder und mir stockte der Atem. Danach sollte ich vier Jahre meines Lebens mit ihr teilen. Aber auch lange nach diesen vier Jahren blieb etwas, was mein Leben lang währen wird: Wenn ich auf einen Kaffee bei ihr bin, wenn wir, so dann und wann, miteinander spazierengehen, wie Bruder und Schwester in der Kneipe sitzen und besorgt oder glücklich sind, weil es der andere auch ist: Das alles ist für mich untrennbar mit Amsterdam verbunden, es hat den Geruch von Grachtenwasser oder die Stimmung vom Leidseplein frühmorgens um halb drei, es klingt wie das Klicken des Trittbretts beim Aussteigen aus der Straßenbahn – ein Geräusch, das mich in den ersten Monaten nach dem Abschied bis in meine Träume verfolgte als Symbol dessen, was ich verloren hatte, weil ich mich nie entscheiden kann. Amsterdam war zum echten Zuhause geworden. Jedesmal, wenn ich in die Stadt hineinfuhr, in der Ferne das Haus am Frederiksplein erblickte, in einer der Straßen parkte, die nach Landschaftsmalern des siebzehnten Jahrhunderts benannt sind, später mit ihr zum Einkaufen auf den Albert Cuyp-Markt ging und wir den Duft von Zimt, Curry und Oliven mit in ihre kleine Dachbude nahmen, wußte ich, daß ich mehr als sonstwo auf der Welt nach Hause gekommen war, und dennoch war es ein Zuhause, das ich nur fühlen konnte, wenn es das andere Zuhause weit weg in Belgien auch noch gab. Ich lernte die Stadt in- und auswendig kennen, wie Leute sie kennen, die dort seit langem wohnen. Ich übernahm Gewohnheiten, Dinge, die man zu bestimmten Zeiten tut, Dinge, die man vorzugsweise sonntags unternimmt (Kaffeetrinken im Stedelijk Museum oder eine Radtour aus der Stadt heraus, etwa an der Amstel entlang), aber auch die normalen Dinge, die man nur wochentags erledigen kann und alles andere, was man sowieso macht oder mitmacht, weil man nun einmal da ist und täglich durch sein eigenes Leben läuft: Indonesisch kochen, in der Marnixstraat mit einem streitenden Pärchen ins Gespräch kommen, sich im Frascati verabreden, sich in Café De Jaren betrinken, aber das gab es damals noch nicht, obwohl das Bild „in den Jahren“ mir gelegen kommt. Ich lernte die merkwürdigen Paradoxe einer Stadt kennen, in der ich Bücher kaufte, ohne zu vermuten, daß ich je selbst eines veröffentlichen würde, ich lernte die Enge und die Weite kennen, besuchte mit meiner Freundin allerlei Bekannte und Freunde, zog mit ihr durch die Kneipen, hatte gelegentlich das Gefühl, daß in dieser Stadt alles möglich ist, und dann wieder, daß alles fürchterlich durchorganisiert war. Wer merkt, schwafelte ich, wie diese Wechselwirkung funktioniert, der fängt an, etwas von Amsterdam zu begreifen; aber der Code ist nie explizit bekannt. Niemand teilt ihn mit, man muß versuchen, ihn selbst zu herauszufinden, und jedes Signal hat eine spezifische Bedeutung – Bedeutungen, die in meiner altflämischen Heimatstadt völlig anders waren. Ich begann Gesten, einen Augenaufschlag, einen bedeutungsvoll abgebrochenen Satz, eine winkende Hand gewissermaßen in eine andere Sprache zu übersetzen, in einer Stadt, die sich ständig selbstbewußt in ihren Bewohnern spiegelte wie die meisten Großstädte, die ein großes Gemeinschaftsgefühl mit einem immer möglichen Achselzucken für ihre anderen Mitbewohner und den Ort, an dem sie wohnen, kombinieren. Das Labyrinth enthüllte sich allmählich, und erst, als mir ein paar Dinge allmählich klar wurden, sah ich, wie nackt ich für meine Bekannten und Freunde in der Stadt gewesen war. Der Körper der Stadt wurde nicht nur zum Körper der Frau, die ich liebte, sondern ich lernte auch, daß die Stadt immer mehr zum Spiegel meines Andersseins wurde, für die Tatsache, daß ich in einem völlig anderen Gefüge aufgewachsen war. Und obwohl ich so schnell wie möglich zu lernen versuchte, was es an Unbegreiflichem zu lernen gab (etwa die Bezeichnungen beim Konditor, von denen keine einzige aus meiner Landessprache verstanden wurde), kam ich lediglich dahinter, daß mir, je vertrauter ich mit der Stadt wurde, immer mehr die kleinsten Details meines Lebens als Außenstehender bewußt wurden. Nach einiger Zeit kannte ich die Nuancen der Jahreszeiten in einer Amsterdamer Straße, das Geräusch der Knallerbsen in der Silvesternacht und das Gefühl der Leere, nachdem sie in einer vollgeparkten Straße hochgegangen waren, die regelmäßig wiederkehrenden drei ansteigenden Töne des Sanitätsautos in der Nacht. Wie anders war ein regnerischer Mittwoch dort verglichen mit einem Mittwoch in der Stadt, aus der ich kam und in die ich regelmäßig zurückkehrte. Ich lernte, wo die Empfindlichkeiten des durchschnittlichen Stadtbewohners lagen, und wie man am besten damit umging, wie man Dinge erklären konnte, von denen man anfangs dachte, sie seien nicht zu vermitteln. Ich lernte ein bißchen zu fühlen, wie sich Migranten in meiner eigenen Stadt und natürlich auch in dieser Stadt häufig fühlten – ich lernte auch, wie atypisch und zugleich völlig repräsentativ Amsterdam für den Rest der Niederlande ist. Natürlich, alles Klischees. Aber Klischees werden lebendig, wenn man irgendwo ist, und was man hinter sich gelassen glaubte, tippt einem wieder auf die Schulter. Es steckt in unmerklichen Nuancen, in der Art, wie man etwas sagt, in einem Augenaufschlag, in der Sprache, die ich aus nächster Nähe kennenlernte, weil ich geliebt wurde und liebte. Es ist das ungreifbare Mehr, das ich inzwischen erkenne, wenn ich ein Buch eines Amsterdamer Schriftstellers lese, all das, was ich nicht erklären kann, von dem ich aber weiß, daß in Belgien die meisten Leser nur Wörter sehen, wo ich, genau wie jeder, der sich eine Weile in Amsterdam aufgehalten hat, einen spezifischen Geruch bemerke, oder ein Zimmer mit Blick auf Innenhöfe sehe, oder einen darin enthaltenen, typisch Amsterdamer Tick erahne. Manchmal höre ich in einem aufgeschnappten Satz ganz kurz, wie Worte auf einer schmalen Treppe klingen, wo Fahrräder an Haken hängen, wie sich das Läuten der Türklingel unlösbar mit dem Seil auf dem Treppenabsatz eines Stockwerks verbindet wird, mit dem man das Türschloß aufzieht; was Leute so alles reden, wenn sie in einem Restaurant herumstehen und warten, daß ein für sie reservierter Tisch frei wird, oder ich erinnere mich, daß es für einen betrunkenen Zugezogenen nützlich sein kann, sich an den Merksatz „Piet Kauft Hohe Schuhe“ zu erinnern (ein mnemotechnischer Trick, sich die Abfolge der Grachten zu merken).

Vielleicht muß man sich trauen, vor allem über Klischees zu schreiben, wenn man wissen will, wer man geworden ist. Es sind die Dinge, die einen verfolgen, wenn man weniger häufig dorthin kommt: der Geschmack von Milchkaffee (mit warmer Milch aus einem kleinen Topf, schrecklich umständlich, meint ein Belgier, ekelhaft, wenn die Milch kalt ist, meint ein Niederländer), die Stimmung im Zeitungsladen, das Kaufhaus De Bijenkorf im Vergleich zu L ’Innovation – Stimmen, Dinge und Gesichter, die mit einem Lebensgefühl verbunden sind. Erst Jahre später hat man, weniger durch die Erinnerung an die Klischees als durch das Vergessen, etwas wesentliches in eine Ordnung gebracht, aber dann ist man auch nicht mehr in der Lage, das so unbefangen auszusprechen, wie es die eigenen Landsleute tun, die dann und wann diese Stadt besuchen. Sich ein Bild von einer Stadt zu machen, das ist etwas für Touristen, davon war ich überzeugt, aber ich selbst war damals nicht anders. Manchmal vermisse ich fast pathetisch das am Montagmorgen schon halb vertrocknete Brot, das ich Samstagnachmittag auf der Ceintuurbaan gekauft habe (ein Umstand, der in Belgien mit seinen am Sonntag besonders gut sortierten Bäckereien undenkbar ist), oder ich vermisse die Mischung von exotischen und widerlichen Gerüchen vom Albert-Cuyp-Markt. Dann weiß ich, daß es an der Zeit ist, meine dortige Freundin anzurufen. Die einzigen Verwandten, die wirklich zählen, sucht man sich selbst, indem man sie liebt und Dummheiten macht, indem man verzeiht und sich wiedersieht. In diesem Sinne ist Amsterdam eine Stadt, in die ich heimkomme, aus der ich aber auch wieder weg muß, weil ich dort offenbar nicht ständig leben könnte: Zum Schreiben brauche ich auch eine andere Art von Raum, wo weniger hektisch Opinionating betrieben wird, wo die Meinungen nicht so heftig aufeinanderprallen, wo die Abwesenheit ihre schwer greifbare Poesie zeigt, wo ich auf Distanz zu dem gehen kann, wonach ich mich sehne. So schleicht sich ein bißchen von einem Unbehausten in einen, obwohl man immer wieder an einen festen Ort zurückkehrt. Man nimmt ziellos die Straßenbahn, läuft nachts einfach durch die Stadt, und alles und nichts auf einmal ist das, was du sehen möchtest: Diese sonderbare, einzigartige Mischung von zuviel und zuwenig, von zu vielen Menschen und zu wenig Raum – diese Atmosphäre eines internationalen Dorfes, das mit Bescheidenheit wenig am Hut hat, obwohl man nirgendwo sonst so sehr den Anschein von kritischem Bewußtsein erwecken möchte, wo dann aber wieder zurecht das Selbstbewußtsein in den Worten liegt und nicht im Straßenbild. Wegen dieses Sprachbewußtseins habe ich irgend etwas an Amsterdam immer als jüdisch empfunden, jüdischer als anderswo, als etwas, in dem ich mich heimisch fühlte, ohne selbst daran teilzuhaben, etwas, nach dem ich mich trotzdem sehnte, weil es mir etwas zu verheißen schien, was wir in unserer belgischen, in sprachlicher Hinsicht chaotischen Erziehung nur allzu oft missen mußten – ich meine die Erfahrung unablässiger Sprachkritik als Wesensmerkmal, aber ich meine zugleich auch, daß urbanistischer Ehrgeiz, eine Art Nonchalance gegenüber materiellen Dingen, der in vielen anderen Städten durchaus Priorität hat, dieser Stadt unwichtig wird. Zugleich war da war da auch etwas von jüdischen Schriftgelehrten, an die mich viele Amsterdamer Intellektuelle erinnerten – vielleicht eine Spur von dem, was in Dresden, Warschau, Paris oder Berlin verlorenging, etwas, was hier weniger als anderswo unterbrochen worden war, ein bestimmtes Gefühl der Kontinuität. Die Art, wie man etwas bespricht, ist in einer Tradition selbstbewußter Sprache gewachsen. Gerade dieses Zuviel an kritischem Selbstbewußtsein einerseits und selbstgefälligem Hierhergehören andererseits ist es, was mir manchmal zuviel wird, so daß ich schnell wieder in die in die provinzielle Ruhe einer flämischen Kleinstadt zurück verlange und dort eine vage Nähe zur französischen Kultursphäre genieße; aber nach wenigen Wochen, höchstens nach Monaten, werde ich doch wieder erfüllt von einem Heimweh und übermannt mich das Gefühl, das alles unbedingt um mich herum spüren zu wollen, um zu wissen, wo ich eigentlich stehe, zu mir und zu den anderen, mit denen ich lebe. Amsterdam ist ein Ort, wo ich meinen Kompaß justiere, auf einer Terrasse in der Sonne, in einem brechendvollen Käfig mondän zwitschernder Wellensittiche.

In diesen Jahren hat sich in mein Niederländisch ein Akzent aus meinem dortigen Leben eingenistet, ein sprechendes Zeugnis dessen, was weiter nur meine Sache und meine Geschichte ist. Inzwischen habe ich den Akzent längst wieder abgelegt, aber kaum bin ich in Amsterdam angekommen, ist er wieder da, ob ich will oder nicht. Dieser Ton, dessen ich mir nicht einmal bewußt war, verstimmte meine Landsleute in Belgien regelmäßig: Dort gilt es als Zeichen von Zickigkeit, ein Niederländisch zu sprechen, das auch nur einen Anklang an das Sprechen nördlich der großen Flüsse hat. Eigentlich ist man eine Art Landesverräter, wenn man seinen typisch flämischen Akzent vergißt, selbst wenn es nicht mit Absicht geschieht. Man sagt, es bedeute, vor dem holländischen Sprachimperialismus einzuknicken. Mit diesem latenten nationalistischen Gefühl reisen sogar die progressivsten Flamen noch allzu oft nach Amsterdam: Es ist eine Form der Selbstbestätigung für sie, wenn Amsterdamer bei bestimmten Ausdrücken, die hierzulande gang und gebe sind, die Brauen hochziehen. Sie übertreiben gern noch ein bißchen und sprechen mit stärkerem Akzent, um den durchschnittlichen Niederländer zur lächerlichsten Haltung eines Oberlehrers zu verführen. Dazu, meint der Durchschnittsflame, braucht es nicht viel. Mundartfärbung ist die letzte provinzielle Bastion des Widerstands, ist eine aufsässige Reaktion gegen die unablässig in Habachtstellung wartende Besserwisserei, die freundliche oder arrogante Zurechtweisung bei jedem Satz und jedem Ausdruck, der nicht gleich dem nördlichen Sprachgebrauch zuzuordnen ist, und es ist begreiflich, daß einiges davon den Flamen gelegentlich ziemlich auf die Nerven geht: Wenn sechs Millionen Menschen eine bestimmte Redewendung verwenden, dann ist die natürlich nichts anderes als ein lebendiger Bestandteil der Sprache und hat, allein schon soziologisch gesehen, eine Daseinsberechtigung. Es ist dieselbe Haltung, mit der jemand aus Marseille nach Paris kommt, ein Triester nach Mailand, ein Wiener nach Frankfurt oder Berlin. Dennoch berühren mich solche Katzbalgereien nicht mehr; denn mir geht inzwischen das defensive Selbstbewußtsein vieler Flamen ebensosehr auf die Nerven. Und so gehört man schnell nirgends mehr dazu, und das ist vielleicht auch gut so. In Belgien ärgere ich mich ständig grün und blau über die anmaßende flämische Sprachträgheit, in Amsterdam ärgere ich mich oft über den anmaßenden niederländischen Spracheifer. Damit meine ich die endlos wiedergekäuten Gegensätze, die mich nicht interessieren. Was in Amsterdam wesentlich ist, höre ich, wenn ich die Nummer eines Freundes oder einer Freundin wähle und die vertraute Stimme fragend ertönt, oder wenn ich dort ankomme und, sobald ich aus der Straßenbahn steige, das Klappen des zurückfedernden Trittbretts höre, wenn ich an den aufgehängten Rädern vorbei in den ersten Stock steige und willkommen geheißen werde: Heimkommen in die Stadt, in die ich, lange bevor ich dort eine Freundin hatte, irgendwann Mitte der siebziger Jahre mit einer Jugendliebe geflohen war. Damals lernten wir ziemlich übergangslos den Bodensatz der Stadt kennen. Vieles in meinem Leben hat dort angefangen und ist genauso oft dort auch zu Ende gegangen.

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Fast fünfzehn Jahre später lief ich mit genau diesem Gefühl, unbehaust und neu zu sein, durch eine Stadt, die ich schon als Kind gekannt hatte, die aber erst jetzt, durch eine neue Liebe, an jeder Straßenecke ebenfalls zu erzählen begann von diesem beängstigenden sich Angleichen von Körper und Stadt, durch das die winzigsten Kleinigkeiten drohend und verheißungsvoll werden: Brüssel. Obwohl ich die Stadt von Kindesbeinen an kannte, begann sie erst jetzt durch die Bilder zu sprechen, die tief in mir schlummerten: das vage Bild des schummerigen Delikatessenladens eines Brüsseler Onkels, den ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte – die Straße, in der sich der Laden befunden hatte, gab es nicht mehr; meine Erinnerungen an meine Studentenzeit, als ich in dem großen Zollkomplex am Hafen, in dem gigantischen Gebäude von Thurn & Taxis jobbte, an die afrikanischen Gerüche, mittags, in der Gegend um den
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Nordbahnhof. Ich ging mit ihr durch Straßen, von denen ich mich erst nach langem Zweifeln erinnerte, daß ich als Kind dort gegangen sein muß, als müsse ich eine rätselhafte Landkarte entziffern. Durch sie lernte ich, wie anders der Lichteinfall in einer Brüsseler Wohnung an einer großen Allee ist verglichen mit einem ebensolchen Zimmer in einer Amsterdamer Straße, obwohl eigentlich, objektiv gesehen, das Licht nicht anders als anderswo ist, nur nicht im eigenen Kopf; mich verschlug es in Häuser in Vororten mit Pariser Stimmung, ich lief über Stadtbrachen in dieser schwer verwundeten Stadt und wurde paradoxerweise gerade dadurch glücklich.

Man kann sich kein besseres Klischee ausdenken, um alles zu illustrieren, was es an Mißverständnissen zwischen Belgiern und Niederländern gibt, als unterwegs in Brüssel an Amsterdam zu denken und in Amsterdam an Brüssel. Und die meisten Klischees werden auch gleich vom Straßenbild bestätigt: Wie in Amsterdam einige Prominente selbstbewußt zum vornehmsten Empfang mit dem Rad vorfahren, so kommt in Brüssel der schäbigste Bettler mit seinem Mercedes dritter Hand angerast, um sich an der Ecke ein Päckchen Zigaretten zu holen. Für Niederländer muß das etwas von einer mediterranen Stadt haben, während dem Durchschnittsbelgier dabei nichts besonderes auffällt. Identität ist der blinde Fleck im eigenen Bewußtsein. Identität ist die Unbegreiflichkeit des Klischees. Wirklich in Brüssel zu leben, bedeutet, bereit zu sein, seine Stadt, seine Identität, seine Sprache zu einem Großteil zu relativieren, sie zu vergessen, aufzugehen in dem vitalen und wirklich kosmopolitischen Charakter dieser unglaublich chaotischen Gesellschaft: in ihrer Bastardkultur, in ihrem Mangel an Selbstachtung, ihrer verblaßten Moral, ihrem zynischen Mangel an Urbanität. Wer sich dort als selbstbewußter Flame behaupten will, muß sich auf eine der zehn Kneipen beschränken, die dafür bekannt sind, daß sich dort alle in Brüssel lebenden Flamen treffen – das heißt konkret, daß er sich dafür entscheiden kann, sich innerhalb der Stadt in einer Art flämisch-brabanter Dorf zu bewegen, in einem imaginären, beklemmenden Homeland, das sich mit unsichtbaren Linien in einer Weltstadt abgezeichnet haben soll. Das heißt also auch, daß er sich dafür entscheiden kann, in einer Stadt, die nun einmal zu achtzig Prozent französisch dominiert ist, ziemlich kleinbürgerlich und kleinflämisch zu leben. Aber wenn er nicht an seiner provinziellen Identität einer „bedrohten Minderheit“ klebt, dann kann er sich andererseits im Besten bewegen, was Belgien, dieser „Korridor Europas“, zu bieten hat: einem Gefühl, das völlig anders ist als das, was man in Amsterdam findet – Verlust von Zusammengehörigkeit, Identität, Moral im ordentlichen, bürgerlichen Sinne, ein Mangel an effizientem Handeln, Organisationstalent und kritischem Selbstbewußtsein – schier nichts von dem Überschaubaren, wo Meinungen bis aufs Gramm gewogen werden können, sondern statt dessen eine Art Persönlichkeitserweiterung, die einen nur in Weltstädten überkommen kann. Brüssel hat, diese Behauptung hört man gelegentlich, mentalitätsmäßig womöglich mehr mit Buenos Aires gemeinsam als mit Amsterdam (ein weiteres Klischee, das niederländischsprachige Brüsseler lieben; sie ziehen über Amsterdam vom Leder, schmähen es als „Polderdorf“ und beweisen damit, daß sie den völlig anders orientierten Kosmopolitismus dieser Stadt auch nicht erkennen).

Auf jeden Fall macht Brüssel eines sofort klar: daß es zwei Sorten von Niederländischsprechern gibt – etwa sechzehn Millionen, die zum germanischen Lebensraum, und sechs Millionen, die zum romanischen Lebensraum gehören. Nahezu alle tieferen kulturellen Konflikte lassen sich auf diesen Bruch zurückführen. Mode in Amsterdam zeigt sich deutlich beeinflußt von Berlin, London oder New York, die in Brüssel von Paris und Mailand. Architektur in Amsterdam besitzt stilistische Merkmale, die sich bis hinter Oslo finden; in der Brüsseler Architektur zeigen sich Elemente, die man bis hinter Rom antrifft. Vrij Nederland hat etwas von der Times Literary Supplement, De Morgen scheint eher von der Libération inspiriert zu sein. Niederländer, die sich für Literaturprogramme im Ausland interessieren, konnten jahrelang im Fernsehen Marcel Reich-Ranicki über Bücher reden hören, für Flamen dagegen war Bernard Pivots Bouillon de culture jahrelang ein vergleichbares ausländisches Vorbild. Den Intellektuellen in Flandern galt Laure Adler mit ihren Pariser intellektuellen Interviews als kleine Berühmtheit, in den Niederlanden liest man französische Philosophen in englischen oder deutschen Übersetzungen; der Kunstkanal Arte wird in Flandern in der französischen Version ausgestrahlt; in den Niederlanden dagegen die deutsche Variante. Meine flämische Generation lernte (von der ersten Klasse an) als erste Fremdsprache Niederländisch, als zweite Französisch; Niederländer meines Alters hatten als erste Fremdsprache Englisch, das für mich eine dritte Sprache war. So etwas zeitigt noch lange Auswirkungen: auf literarische Vorbilder, Malerei, Philosophie, Geschmacksbildung. Wir wundern uns, ohne uns dessen richtig bewußt zu sein, über völlig andere Einschätzungen literarischer Arbeiten, von Filmen, Theaterproduktionen und anderen kulturellen Fragen, „obwohl wir doch dieselbe Sprache sprechen“. Weil der Mensch zum egozentrischen Denken neigt, bezeichnen sich zwei niederländischsprachige Gemeinschaften gegenseitig regelmäßig als „blöde“. Im allgemeinen begnügt man sich auf beiden Seiten damit, die Unterschiede auf den Gegensatz calvinistisch-katholisch zu schieben, was aber als Erklärung nicht ausreicht. Flämische Protestanten haben noch immer mehr Ähnlichkeit mit flämischen Katholiken als mit niederländischen Calvinisten, und niederländische Katholiken haben wenig Gemeinsamkeiten mit den flämischen. Eine gewisse Spezies altmodischer flämischer Katholiken wiederum hat mit der stimmungsvollen Bigotterie kleiner wallonischer Dörfer mehr gemein, als sie selbst zugeben wollen. Die historischen Entscheidungen für eine der beiden Religionen wurden, auch im 16. Jahrhundert, viel stärker von der jeweiligen germanischen beziehungsweise romanischen Einflußsphäre beeinflußt. Die historischen Wurzeln dieser Klischees werden regelmäßig wieder ausgegraben. Flamen finden Niederländer „ärgerlich amerikanisch“, und Niederländer sind der Ansicht, daß Flamen alles „mit französischem Schwung“, d.h. larifari, machen. Die meisten niederländischen Ausdrücke, in denen das Wort „französisch“ vorkommt, sind wie im Deutschen nicht wirklich positiv gemeint. Der auf unausrottbaren und oft bornierten Klischees basierende Unterschied läßt sich nicht mit Sprache kitten, denn er wurzelt tief in der Kultur und findet von dort seinen Weg in die Psychologie, in die Kommunikation, ja sogar in die öffentliche Moral, egal wie beladen dieses Thema in den vergangenen Jahren in Belgien auch geworden ist.

Und dennoch. Die „Leichtigkeit des Seins“ in Brüssel spürt man erst, wenn man bereit ist, vor den zerfransten Rändern von Sprache und Gesellschaft zu kapitulieren, in der inzwischen weltweit Millionen von Menschen leben: sich in Sprachen auszudrücken, die nicht ihre Muttersprachen sind, sich mit einer Handvoll Ausdrücken zu behelfen, die sie auf der Straße aufgeschnappt haben, in holprigem Englisch, verballhorntem Französisch, dem aussterbenden Brüsseler Dialekt mit seiner unentwirrbaren Mischung von Französisch und Brabanter Platt, einer grauslichen Art von „Villenflämisch“ wie es Geert van Istendael einmal bezeichnet hat – und das alles in einer Stadt mit einem Grundriß, der nicht gerade von einer unschuldigen kolonialen Vergangenheit zeugt, einer rechtlosen Stadt mit einem überaus protzigen Gerichtsgebäude, einer Stadt mit unglaublich hohen Mieten und gigantischem Leerstand, der Großsprecherei und der Mißstände, mit endlosen Konflikten zwischen den einzelnen Sprachgemeinschaften, keiner offiziellen Landessprache, keiner klaren Ländervertretung, einer zu monströsen Proportionen angeschwollenen Bürokratie, die völlig losgeschlagen ist von dem verkümmerten demographischen Netz, kurzum, ein Chaos, das dazu führt, daß keiner mehr das Gefühl hat, es ginge um seine Stadt – all das, wofür ich Brüssel liebe, und wodurch ich in den Augen meiner Amsterdamer Bekannten wohl immer ein wunderlicher Belgier bleiben werde und in den Augen nationalistischer Flamen ein Landesverräter.
Denn Brüssel gehört niemand und allen. Sowohl die nationalistischen Flamen wie die nostalgischen Wallonen haben sich von der Stadt abgewandt. Von all den Verwaltern, Bürokraten und Politikern, die über diese Stadt bestimmen, wohnt so gut wie keiner in der Stadt. Warum sollte sie die Verluderung stören? Aus ihren häßlichen Bürogebäuden und riesigen Hotelzimmern pendeln die flämischen Volksvertreter abgespannt zurück in ihr ländliches Villenviertel, in diese abscheulichen steinernen Campingplätze, die inzwischen den gesamten öffentlichen Raum Flanderns aufgefressen haben, und lassen Tag für Tag mit leichtsinniger Gleichgültigkeit ihre Hauptstadt wieder im Stich. Auch zwischen den Frankophonen der Hauptstadt und den Wallonen aus den mehr ländlichen Gebieten und den kleinen Städten existiert inzwischen eine tiefe Kluft. Lüttich und Brüssel scheinen nur noch zufällig im selben Land zu liegen; von Solidarität oder Kooperation ist auch dort schon längst nicht mehr die Rede. Brüssel ist ein Laden voll verdorbener Waren, aus dem jeder mit zugehaltener Nase wegschleppt, was kurz vor dem Verfallsdatum ist, um sich danach rasch wieder auf sein eigenes Villengrundstück zurückzuziehen. Es ist eine Hauptstadt ohne Land und deshalb auch eine Stadt ohne Verantwortung oder Moral. Bei einer Aufteilung Belgiens müßte Brüssel neben den anderen drei Sprachgemeinschaften zum unabhängigen vierten Bundesland werden. Niemand hat einen konsistenten Plan für die Stadt; niemand zerbricht sich den Kopf über deren Symbolfunktion. Die europäischen Partikratien haben das gut durchschaut: Alles, was man sich nirgendwo sonst erlauben kann, ist in Brüssel möglich. Nobody cares. Wenn das Geld nur unter dem Tisch durchgereicht wird, geht alles. Deshalb sind die wirklichen Stadtbewohner zu machtlos, um dem Chaos Einhalt zu gebieten: Über ihre Stadt wird in der beschränkten Atmosphäre der Ländervertretungen und in der Abgeschlossenheit internationaler Lobbys entschieden, einer Atmosphäre, die tagtäglich mühelos bis ins Parlament vordringt. In dem vielgerühmten, neuen, flämischen „gläsernen“ Haus, in dem das Regionalparlament in seiner dörflichen Pseudotransparenz residiert, summt es von ostflämischen, westflämischen, Antwerpener und Limburger rhetorischen Glanzleistungen. Lokalpolitiker werden von ihrem Provinznest nach Brüssel „geschickt“, um dort die lokalen Interessen zu vertreten. Kein Mensch macht sich Sorgen um die Stadt, in der sie sitzen und streiten. Weder Flamen noch Wallonen betrachten Brüssel als ihre Hauptstadt, nur die schwindende Brüsseler Bevölkerung, und hier und da ein paar Leute mit kulturellem Verständnis, die meist als altmodische Belgizisten angesehen werden. In diesem sozialen Vakuum haben sich gierig die Spekulanten breitgemacht, und das sieht man der Stadt auch an. In Amsterdam haben die Amsterdamer ein Wörtchen mitzureden, in Brüssel jedoch sind keine Brüsseler an der Macht. Die Brüsseler treiben Kuhhandel in der Grauzone. On se débrouille. Und der Magistrat setzt sich zwar aus Autochthonen zusammen, wird jedoch nur all zu oft von dem engstirnigen, kleinlichen, bornierten Herummeckern auf Länderebene behindert, das jede prinzipielle Diskussion von vornherein blockiert. Brüsseler Bürgermeister haben oft mehr Ähnlichkeit mit pensionierten Croupiers als mit Beamten mit Blick für politische Moral. Das alles ist der Schluderei auch anzusehen – Brüssel ist eine Stadt ohne Vision und daher ein Dschungel der Großstadt mit unerwarteten Perspektiven. Es wirkt wie eine riesengroße, unordentliche Küche, die von zahllosen Mietern benutzt wird, von denen sich aber keiner verantwortlich fühlt, wenn sie nicht aufgeräumt ist. Deshalb ist Brüssel eine Stadt, die von ihrer Unbestimmtheit lebt – etwas, was paradoxerweise gelegentlich Anstoß zum Erscheinen von etwas Sublimem in einer Stadtansicht, einer Stadtbrache oder einem alten Viertel wird. Es ist die Auswirkung des Desinteresses an der Geschichte, wie sie auf dem kahlen, brachliegenden Potsdamer Platz sichtbar war. Das Aufblitzen einer fast filmischen Erhabenheit in einem unappetitlichen Detail, dieses Beladensein mit einer unfaßbaren Geschichte, es reißt den Spaziergänger in Brüssel aus seiner vertrauten Identität in engerem Sinne heraus. Letzteres kann man gewiß nicht von Amsterdam sagen: Dort wird einem nur allzu schnell bewußt, wo der eigene Platz ist, wo man hingehört, und ob man dazu gehört oder nicht.

In dieser Randzone der gleichgültigen Nutzung von Sprache und Raum verbirgt sich die ganze Bedeutung und auch der nuttige Charme Brüssels – als passe sich die Sprache dem chaotischen Städtebau an, oder war der zuerst da und haben die Leute dem städtischen Bauen das schludrige Reden abgeschaut? Im Kern besagt die Brüsseler Erfahrung, daß dort die Sprache unmaßgeblich ist, daß man, sowohl bei offiziellen Anlässen wie in der kleinsten, miesesten Nachtbar, plötzlich das Gefühl haben kann, überall und nirgends zugleich zu sein, denn aus dem, was man um sich herum gesprochen hört, läßt es sich nicht ausmachen, und genausowenig ist es zu sehen, es sei denn vielleicht an der Feststellung, daß es keine Normen gibt für Haltung und Verhalten eines jeden, daß es jedenfalls keinen Geheimcode gibt wie in Amsterdam, der darüber bestimmt, ob man zur Incrowd gehört oder nicht. Dieses Brüssel läßt sich vielleicht wirklich nur entdecken, wenn man einen seiner Einwohner liebt, um so einen Weg zu dem geheimen Mehr in den Gerüchen, den Gesten und dem Lichteinfall zu finden, die sonst nur ein Außenstehender wahrnehmen kann. Aber wie soll man je zuhause sein in einer Kultur, wenn man eine Stadt ohne geistiges Zentrum liebt? Erst in diesem nirgendwo Dazugehören kann man, vielleicht, radikal mit einer Idee von der Stadt leben, mit einem utopischen Stadtplan (dazu muß man vielleicht haargenau den Körper seiner Geliebten zeichnen). In dem Moment, wenn man von nicht-existierenden Stadtplänen zu träumen beginnt, schieben sich in der Erinnerung Städte übereinander, selbst wenn es sich dabei um absolute Gegensätze handelt wie Brüssel und Amsterdam. Und obwohl es undenkbar ist, den Geruch einer regennassen Straße in Saint-Josse oder in Elsene mit dem einer Straße in Oud-Zuid oder dem Kleine Gartmanplantsoen zu verwechseln, gibt es dennoch etwas, was man nur in sich selbst mittragen kann: Die Tatsache, daß man, will man in Brüssel, Amsterdam oder egal welcher Stadt zuhause sein, nirgendwo zuhause ist außer bei den Menschen, für die man wichtig ist.

Der Größenwahn der Barockarchitektur, in Verbindung mit dem zynischen Verfall alter, wertvoller Gebäude in Brüssel, macht den Spaziergänger heimatlos, einfach aus kritischem Widerstand; die aufeinandergestapelten Wohnungen in einer Art aus den Fugen geplatztem Brügge, dem Amsterdam manchmal ähnelt, läßt die Menschen dort nach dem Statement verlangen, nach Klarheit, nach einem schwer definierbaren Hunger nach Übersicht, den ich manchmal heftig und gänzlich teile und dann wieder verabscheue. Brüssel ist die Art von Stadt, wie der französische Untergangsphilosoph Jean Baudrillard die Welt beschreibt: Der Schein ersetzt ständig das, was man zu entdecken meinte – man lebt mit dem Simulacrum einer Kultur. Wen wundert’s, daß sehr vielen Menschen in Belgien Baudrillards Theorien höchst plausibel erscheinen, während viele Amsterdamer seine Theorien für blühenden Unsinn halten: Hier gibt es dafür eben keine konkret erfahrbare Situation. Denn in den Niederlanden ist alles „echt“, wie in Belgien alles „fast echt“ ist, aber niemals echt „ist“. Vielleicht kommen von daher die immer wieder auftauchenden philosophischen Mißverständnisse zwischen Menschen, die Brüssel zur Hauptstadt haben und Menschen, für die Amsterdam die Richtschnur ihres Denkens und Handelns ist: Mißverständnisse, die wir womöglich besser lösen können, wenn wir durch die Straßen der jeweils anderen Stadt laufen und der Nacht in der Stadt lauschen, als wenn wir Konferenzen abhalten mit Herren in Maßanzügen, mit steifen Beamten und Verwaltern, die nie im Namenlosen aufgehen, in dem Meer von Details, über die so gut wie keiner spricht, eine ungreifbare Gesamtheit, die alles über Kulturen und ihre Beschränkungen verrät. Mich interessiert es nicht, Belgier oder Flame zu sein, und ich möchte ebensowenig, in den Augen von Niederländern, ein nützlicher Bürger ihres Landes sein. Ich finde Kongresse und Symposien, auf denen wir uns verbrüdern oder zerstreiten, nur genant und nutzlos. Das merke ich auch an jedem Satz, den ich schreibe, und das ist oft heikel, denn viele Flamen finden meine Sätze ziemlich niederländisch, die meisten Niederländer dagegen ziemlich flämisch. Aber ich hungere immer mehr nach diesem Meer von Details und über die möchte ich am liebsten mit den wenigen Menschen sprechen, durch die ich all das kennengelernt habe. Die Unterschiede und die Ähnlichkeiten hängen mit meinem Körper und meiner Geschichte zusammen, und indem ich diese Geschichte lebe, verkörpere ich beides: was mich davon trennt und was mich damit verbindet.

Aus: Stefan Hertmans, Steden. Verhalen onderweg. Meulenhoff /Kritak 1998. Intercity, S. 81-96.
© der Übersetzung by Marlene Müller-Haas, Holsteiner Ufer 34, D-10557 Berlin

Gepubliceerd op 25 Aug 08 @ 21:37

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