Poesie

Ekloge

Nimm an: ein Bäumchen sein,
Ein flatterndes, fipsiges Nichts aus Grün,
Fleck auf einem Pfad mit scharfen Rändern.

Eine Nymphe kommt aus dem Wasser
Des Bachs, leicht angejahrt,
Ray Ban, glänzendes Sun Tan.

Ich wehe vor mich hin,
Ich bin ein Meister
Im Hinsehn und Vergessen.

Meine Wurzeln, die von Würmern träumen,
Die Wespenschwärme, die mich überfallen,
Der Tag, er flieht dahin.

Ich spalt, selbst wenn es Jahre wärht,
Auch noch den härtesten Stein.
Ich hör gepflegte Stimmen
Gedämpft und eitel weinen.

Na ja – ein Bäumchen sein.
Ich steh und starr und prunke,
Und spare Schatten.
Sauren Wein.

Scardanelli

Er berührte kalten Stein,
Marmor oder Erz, worauf die Hand wird zu Bein.
Fossil auf dem leuchtenden Mund
die erschütternd sprechende Wunde,
mystische Rose voll Zahnstein und abkühlendem Naß –

lythisches Welken redete ihm zu,
stets dasselbe schwielig auf Namen und Erinnerung.

Oh, daß er dahin kommen konnte:
der fast wesenlos dünne Fleck, wo Nichts
aufspringt in Etwas, die Linie, wo der Goldene Schnitt
aufgeht in ein persönliches Ansprechen.

Doch da ist weniger als diese feuchten Stimmen,
Geruch von Brennesseln und sengendem Blatt.
Es ist das Flüstern, das entsetzlich ist;
die Zeit des Schreiens haben wir gehabt.

( aus “Bezoekingen” )

Am Neckar

Etwas erstickte in schmachtender Erde,
ein Duft von Frühjahr und Wind stürzte sich
ins Stiegenhaus tief in dem Winter

wenn Nektar, der in gespülten Pokalen
bewahrte, ausblutet am Mund.

Ein weißes, untröstliches Ich spaltet das Buch
unlesbar, ohne daß Asche und Urne
Südwind unf Palmwein wurden,
ohne daß etwas geschrieben ward.

Denkbare Arme, heimlich um den Wanderer
geschlungen gleich den würgenden Blüten
von dem Mistelzweig,

Augenblick voll verstärktem Gift,
dies kühle Grab, in dem ich atme,

tagelang mit in Ohren und Fingern
nichts als unstillbare Erde,

ein Odem aus Humus,
ein Regen aus Milch in frischem Grund.

( aus “Bezoekingen” )

Äther

Von der Hitze und dem Abstand
geriet sein Gesicht in Brand;
heiße Fluren, wo Speichel,
Schleimspuren und Saat hintrieben
auf vage gehörten Gräsern hinter ihm
und überall aus der sich nähernden,
Zweige knackenden, flammenden Gestalt,
die nicht in die Linse paßte

im Auge nach Abgrund suchte
und ihn, rot und nahebei
schließlich aufnahm in den Strom
eines sehr schnell vorbeigeeilten
tödlichen Leibes, der schluchzte und lechzte
nach seiner begehrten Trägheit
zur wirbelnden Mittagsstunde.

Oh Friedl,
die Bitternis in Dämonen.

( aus “Bezoekingen” )

Waken

Als jemand in Sarajewo drauf los
geschossen hatte, wurden die ersten Wechsel
sichtbar von einem kahlen, trostlosen Gebiet,
noch halb bewaldet –

Kiefern vorallem, aufgebogene Schienen,
Stacheldrahtversperrungen, Stiefel,
getretene Gesichter und ein Schlund,
messbar nicht, in dem verstümmelte Glieder
wie halbe, unbegriffene Lettern verschwanden,
Arcimboldos* Schlund,
ohne Echo;
es dauerte ein halbes Jahrhundert
bevor alle Wunden einen Körper fanden.

Eine rauhe Kälte umgibt uns;
auf Bürgschaften haben wir wenig Chance;
in blutroter Sonne kündigt sich
andermal eine Nacht an aus schwindelerregendem
Frieren, sodass Stein und Stern zu
demselben lebenlosen Weltall gehören,
das in Äckern und Grachten beginnt.

Stimmen und Klumpen wollen einander
nur selten zurück; ein Arm schwärmt noch,
schreibt eine Beschwörung in den Schnee,
während hoch oben ein Auge gluckert
höher als das Perlhuhn auf dem Hackblock.

Es ist ein tiefbraunes Auge, zweifellos
nicht arisch und weiter auch nicht so scharf,
mehr etwas wie ein untiefer Weiher voll Sand
und mit dem erschreckenden dunklen Ton
wie im Sommer unerwartet ein Schatten
über sich faltendes Wasser fällt,
ein neuer Raum, eine neue Eiszeit
in einer atemlosen, blutenden Wake**.

(aus “Botanie der steden” in “Bezoekingen” )

Trakls* Erwachen (Zyklus)
Elis

Er will keinen Wortstein in der Hand
keine Klaue, die ihn erinnert an
die Todesfalter mit dem
scharfen Raubtiergeruch.

In jedem Vergessen liegt schon
genügend Frucht, genug reifender
Körper, der in Mulm verändert

während die wächsernen Finger
sich drehen in der Urne,
die sie hervorbringt

wie eine klagende Mutter.
Oh, wenn in der Ewigkeit
von solchen Abenden

die Bibliothek atmet,
gejagt, unhörbar und voll
letzter Wunden, dieser unduldbare Salut,

leg dann eine Hand auf
das feuchte Fichtenblatt.

Zellen und Wälder spiegeln
sich im Weiher
der Nacht.
( aus “Bezoekingen” )

*Georg Trakl, österreichidscher Dichter, geb. 1887 inSalzburg, gest. 1914 in Krakau.

Georg

Die Felder noch durchschnitten von verfließendem Wasser,
Blut, das im Flügelschlag sich spiegelt,
Geschichte, ein jahrloses Zählen von
Ringen, bis ein Doppelbild sich

Entfaltet in eingerissener Oberfläche;
halbwächsern noch, Tierin, vielleicht,
ein Echo geduldig wartenden Wilds, Schreie,
Flattern und namenloses, unsagbares
Schauen ohne Augen.

Oh, dass der Abend noch
das Singen ohne Ohren
dulden möchte.

( aus “Bezoekingen” )

November 1917

als Grete an ihr Ende kam –
als trete jemand an eine Tür
und drinnen nichts als Abgrund;
die andere Hand, sagte man, schlug
hinter ihr etwas zu.

Das nie Vermutete
schien ablesbar auf violetter Haut,
die ewig Pergament gebliebene
Schwesterfarbe aus giftigem Gold,
geronnen aus dem Alchemistensaft

den der Weiße Engel kaum noch hatte;
eine Stimme verbarg sich im Hinterhaus,
hörte nur noch den Wahnsinn klagen
von einer Axt im Blut
von Holunder und Tannen.

Grodek, Krakau, Mühlau –
dein Gedicht eine
unvollkommene Sühne –

Deckstein, horchend offen
für den finsteren Fremdling,
während seine Finger weiter bebten,
inmitten faulender Blüten und Quaderstein.

( aus “Bezoekingen” )

Trakls Erwachen

Nach Limbach hätte er einmal behauptet,
bis zu seinem zwanzigsten Lebensjahr nichts
von seiner Umwelt bemerkt zu haben,
außer dem Wasser.
OTTO BASIL

Von einer Windhose
vor den Kopf gestoßen,
kein Überblick, wo jemals Zuflucht war,

weht uns des Wassers Duft
in der Oberhaut zurück.
Trunk damals für Nüchternheit;
wurde nüchtern von einem sehr kleinen Tornado
in einem Körper aus Fensterglas –

diese ewige Beule auf der Stirn
die sich schrammte bei der Geburt.
Unansehnliche Schande ist unerträglicher
als was von einem jeden
angesehen wird;

angerichtet wird.
In kleinen Zimmern dürstet der Körper
nach dem Tau der Weiden im April.

Dieses lang nachbebende Lachen,
schreckliches Urteil über
unseren kleinen Tod,
wo ist der Schlaf
von je.

( aus “Bezoekingen” )

© Stefan Hertmans

Comments are closed.